Die Linie zwischen Prozessleitung und Prozessbegleitung ist bei allen Projekten sehr fein. Im Falle von MICAIA's Enterprising Youth Projekt ist die Abgrenzung von zentraler Bedeutung. Kern des Projekts ist es, jungen Menschen dabei zu helfen, mehr über lokale wirtschaftliche Gegebenheiten und Möglichkeiten zu erfahren und ihren Tatendrang zu entfesseln, oder - in anderen Worten - ihnen zu ermöglichen, dass sie ihre persönliche Vision für eine besssere Zukunft umsetzen können, und zwar auf der Basis von dem, was sie wirklich tun wollen. Dass klingt nicht allzu schwierig, fände das Ganze etwa in Deutschland oder England statt, eben in Ländern, in denen die meisten Jugendlichen auf ein breites Erfahrungswissen zurückgreifen können und ein gewisser Standard an Bildung vorausgesetzt werden kann, ganz zu schweigen von dem (Über-)angebot an Informationsleistungen, die in diesen Ländern zur Verfügung stehen. In den ländlichen Regionen von Mozambique trifft man auf eine ganz andere Situation.
Unser Projekt wird in zwei Distrikten des Landes umgesetzt: in Tambara und in Sussundenga. Nehmen wir den Tambara Distrikt: keine Elektrizität, abgesehen von einem Generater in der Hauptstatdt der Region (Nhacolo), der 3 Stunden am Tag läuft, keine Tankstelle, keine Bank, kein Internet-Café. Um es genau zu sagen: kein sichtbares Anzeichen von irgend gearteten Investitionen. Hinzu kommt ein heißes und trockenes Klima, das den Anbau von Nahrungsmitteln extrem erschwert und erklärt, warum sich die meisten der einheimsichen Familien eine Ziege halten, um wenigstens bescheidene finanzielle Mittel zu generieren.
Trotz dieser widrigen Umstände können wir viele Chancen und Vermögenswerte erkennen: Tourismus, Fischerei (am Zambezi Fluss), nachhaltige Waldbewirtschaftung, Honig und eine Vielfalt an natürlichen Ressourcen. Eine dieser Ressourcen ist der gewaltige Baobab Baum, exzentrisches Urgestein des Waldes, jeder Baum eine lebende Skulptur, Überlebender von Hunderten von Dürren und ebenso vielen Waldbränden. Die Frucht des Baobab wird von den Menschn als Nahrungsmittel genutzt, insbesondere in der "Hungersaison". Aber sie ist auch ein lukratives Handelsprodukt.
Letzte Woche haben wir einen Freund aus Malawi getroffen, der uns erzählte, dass malawische Händler alle 14 Tage ca. 80 t Baobab Früchte aus der Tete Provinz (von Tambara aus jenseits des Flusses) nach Malawi importieren, um sie dort an Händler zu verkaufen, die aus dem Fruchtmark Eis am Stiel produzieren. Noch interessanter war, dass einer der dortigen Unternehmer mit einem Süßwarenproduzenten in Blantyre daran arbeitet, die Weinsäure, die üblicherweise in die Sahne gemischt wird, durch Baobab-Puder zu ersetzen und einen neuen Keks mit Baobab-Anteil herzustellen. Der Unternehmer bezahlt für 5 kg Baobab-Fruchtmark (mit Samen) € 1,00. Das klingt nicht nach besonders viel, aber im Durchschnitt wirft ein Baum 200 kg Baobab Fruchtmark und damit € 40,00 ab.
Zurück zum Tambara Distrikt: Neben Ziegen und Krokodilen beheimatet der Distrikt eine Menge Baobabs. Im Geheimen haben wir eine kleine Recherche dazu durchgeführt, wie viele Bäume pro Hektar es gibt und wie die Frucht traditionell genutzt wird (an den Straßen außerhalb der Dörfer sieht man Schalen mit Früchten, die zum Verkauf angeboten werden). Außerdem werden wir uns den Markt in Mozambique für Baobab-Puder genauer ansehen und vielleicht sprechen wir sogar mit unseren eigenen Süßwaren-Produzenten! Die Frage ist nur: Werden auch die jungen Menschen in unserem Projekt den Baobab als wirtschaftliche Chance erkennen? Und wenn nicht - und seien wir ehrlich, wahrscheinlich wird es so sein - wie führen wir sie an diese Idee heran?
Es ist ein komplizierter und zeitaufwendiger Prozess. Wir müssen den Menschen dabei helfen, all ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten und Vermögenswerte zu identifizieren. Wir müssen den Kenntnisstand der Menschen erhöhen, denn wie viele junge Menschen in Tambara wissen wohl, dass die Weinsäure in Keksen durch Baobab-Puder ersetzt werden kann (ich jedenfalls wusste es mit Sicherheit nicht), bzw. dass es so etwas wie Weinsäure überhaupt gibt? Wir müssen Selbstvertrauen aufbauen, müssen Menschen darin bestärken, dass, wie kühn ihre Vision auch sein mag (ich will die erste Tankstelle in Nhacolo eröffnen), sie damit anfangen können, diese Vision zu verwirklichen. Das alles müssen wir leisten, aber wenn wir zu weit gehen, uns von unserem Enthusiasmus und unseren Ideen hinreißen lassen, dann haben wir letztendlich Anhänger, keine Anführer.
Der mächtige Baobab hat alles gesehen - koloniale Ausbeutung, Revolution, Naturkatastrophen. Wenn ein Baum eine Persönlichkeit hat, dann ist dieser die personifizierte Geduld. Das soll unser Maßstab sein.